FamTalk
Wie wir das Gefühl der Nähe für junge Menschen neu gestaltet haben, um die Verbundenheit zu den Eltern trotz räumlicher Distanz zu stärken.
Interaktion & UI
Research, Design
Design Thinking
Hochschulprojekt
1 Semester
WS 2020/21
Eltern & Kinder
18 – 27 Jahre
Research: Die Widerlegung der Annahme
Wir begannen mit einem Brainstorming zum Thema Verbundenheit und fokussierten uns auf junge Erwachsene, die von Zuhause ausgezogen sind. Um ein besseres Verständnis für die Frustrationen und Wünsche zu erlangen, erstellten wir eine Protopersona.
Unsere anfängliche Annahme: Dass sich junge Erwachsene nach dem Auszug nicht mehr besonders mit ihren Eltern verbunden fühlen.
Um diese Annahme zu überprüfen, befragten wir 20 Teilnehmer. Überraschenderweise wurde unsere Annahme widerlegt: Die Mehrheit der Teilnehmer gab an, sich trotz der Distanz weiterhin verbunden zu fühlen.
Um diesen Widerspruch zu verstehen, führten wir qualitative Interviews durch. Dabei lernten wir: Es fehlte nicht die „Verbundenheit“, sondern Begriffe wie Nähe, Sicherheit und Geborgenheit. Die Teilnehmer vermissten Alltagsgespräche und gemeinsame Aktivitäten wie Kochen, Gartenarbeit oder Spieleabende.
Standpunkt & Problemstatement
„Wie können wir das Gefühl der Nähe, Sicherheit und Geborgenheit für junge Menschen neu gestalten, damit die Verbundenheit zu den Eltern befriedigt wird – unter Berücksichtigung von räumlicher Distanz?“
Auf Grundlage der Erkenntnisse formulierten wir die zentrale How-Might-We Frage: Wie schaffen wir es, dass sich junge Menschen trotz Entfernung verbunden fühlen und ihnen die Möglichkeit gemeinsamer Aktivitäten gegeben ist?
Die Idee: Ein Wellenbrecher für Alltags-Nähe
FamTalk schafft eine tägliche Gesprächsbasis. Durch täglich wechselnde Impulse fungiert das Gerät als Eisbrecher. Es gibt zudem Anregungen für die reale Welt: Fragt das Gerät bspw. nach dem Lieblingsgericht als Kind, folgt der Zusatz: „Trefft euch doch mal wieder und kocht das!“. Ziel ist es, Vorfreude auf gemeinsame Erlebnisse zu schaffen.
Hardware Entscheidung
Anstelle einer App wählten wir ein haptisches Produkt (ca. 10 cm Durchmesser), um eine physische Präsenz im Raum zu schaffen. Ein dediziertes Device am Nachttisch signalisiert exklusiv „Familie“ und senkt die Hemmschwelle für den täglichen Kontakt abseits von stressigen Messenger-Benachrichtigungen.
Die Lösung: FamTalk
Ein radikal einfaches Bedienkonzept, das Technik in den Hintergrund treten lässt.
Intuitive One-Button-Steuerung
Die Funktionen Aufnehmen, Abbrechen, Absenden und Anhören werden über einen einzigen Button an der Oberseite gesteuert. Gesteuert wird dies durch kurzes/langes Drücken sowie einfache oder mehrfache Betätigung. Ein umschließendes Drehrad dient zur Einstellung der Lautstärke.
Inklusion & Barrierefreiheit
Auf der Rückseite befindet sich ein Button für die Vorlesefunktion, die speziell integriert wurde, um auch Nutzern mit Sehbeeinträchtigungen die Nutzung zu ermöglichen. Das Device ist so konzipiert, dass es ideal auf dem Nachttisch oder der Kommode platziert werden kann.
Testing & Feedback
Hohe Akzeptanz
Design, Displaygröße und Button-Funktionalität erhielten sehr positives Feedback. Das Anschließen und die Grundbedienung wurden von allen Teilnehmern problemlos durchgeführt.
Erfolg der Impulse
Die Gesprächseinstiege wurden hervorragend angenommen. Sie regten zu reflektierten Antworten und positiven Assoziationen an und senkten die Hürde für einen authentischen Austausch.
Learnings & Takeaways
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Intuitive Logik vs. Usability Hürden Obwohl die Aufnahme reibungslos verlief, war die Abbruch-Funktion nicht sofort intuitiv und musste erklärt werden. Dies zeigt, dass haptische Multifunktions-Buttons klare visuelle Feedbacks auf dem Screen benötigen.
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Discoverability bei Hardware Die Vorlesefunktion auf der Rückseite wurde nicht von allen Probanden auf Anhieb erkannt. Für zukünftige Iterationen wäre eine haptische Führung oder ein frontseitiger Hinweis essenziell.
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Research-basierte Entscheidungen Erst das konsequente Hinterfragen unserer ursprünglichen Hypothese durch qualitative Interviews legte den echten Schmerzpunkt offen: Nicht die fehlende Bindung war das Problem, sondern die fehlenden Alltags-Impulse.